Was ist aktives Lernen, oder wie arbeiten beobachtende Studierende in Online-Settings mit?

Lange dachte man, dass Lernende, die sich nicht zu Wort melden, passiv, faul oder desinteressiert seien. Aktive Mitarbeit, aktives Lernen hiess und heisst noch, sich melden, sprechen, mitmachen. Etwas pejorativ nannte man die stummen Studierenden dann auch «lurkers», reduzierte sie zu Beobachtern (to lurk: lauern, sich versteckt halten; linguee.com)

Bisher nahmen Menschen an unserer Hochschulen vor allem in Präsenzkursen teil. Lernen hiess, sich an einen Ort zu begeben, sich dort zu treffen und, zuzuhören und sich an Diskussionen zu beteiligen. Auch in Präsenz stellten wenige nur Fragen ins Plenum, wenige nur exponierten sich. Die meisten sassen im Raum ohne zu sprechen. Spricht man im Zusammenhang mit Präsenzveranstaltungen vor Ort von passivem Lernen, von Lurking? Wurde die Anwesenheit ohne zu sprechen als “sich verstecken” wahrgenommen? Wohl kaum. Im Gegenteil: Physische Präsenz allein zählte bereits als aktive Teilnahme.

Punkto Aktivität werden Präsenzlernen und Online-Lernen offenbar nicht mit gleichen Ellen gemessen. Mit der zunehmenden Zahl an Online-Kursen und digitalen Bildungsangeboten verändert sich die Landschaft nun grundlegend, dramatisch verstärkt noch durch die Covid-Krise. Zum einen ist es sehr viel einfacher, die Aktivität von Lernenden in Online-Umgebungen zu messen, zum anderen stellt sich die Frage, welche Form der Partizipation den Studierenden zugestanden werden sollen.
Umfragen unter Dozierenden und wissenschaftlichem Personal hat ergeben, dass sich die Studierenden in Videokonferenzen nicht zeigten, dass sie die Kamera ausschalteten, sich nicht meldeten. Dies wird gemeinhin als Passivität, als Nicht-Partizipation gewertet. Eine Folge ist, dass vermehrt wieder Netiquetten formuliert werden, um den Studierenden «normales» bzw. «akzeptables» Verhalten beizubringen. Mit dem Aufkommen der Online-Lehre stellt sich aber die Frage, ob diese Wahrnehmung überhaupt stimmt, dass die Studierenden vor allem passiv teilnehmen, wenn sie sich nicht aktiv zu Wort melden oder wenn sie sich nicht zeigen. Und wenn, was bedeutet «passiv» in diesem Sinn?

Smith & Smith schreiben, dass unter «passive Lernende» gemeinhin Personen verstanden werden, die nicht kommunizieren, nicht teilhaben und sich nicht einmal kümmern (2014 p. 87). Sie weisen aber darauf hin, dass es durchaus gerechtfertigt sein kann, andere zu beobachten, um zu lernen. Zudem unterstreichen sie, dass es nicht selbstverständlich ist, zu verstehen, wie man online lernt. Genau so, wie man sich immer schon Arbeitstechniken aneignete, um die Konzentration in Vorlesungen aufrechtzuerhalten, müsste man auch Strategien thematisieren, wie man online lernt und lehrt. Wie rezipiert man ein Lernvideo? Wie annotiert man Inhalte online? Wie schreibt man einen Blogeintrag und wie kommentiert man ihn? Oder wie kommuniziert man mit Bildern, wie produziert man einen Audiobeitrag? Auf der anderen Seite muss man fragen: Wie werden Inhalte und Menschen miteinander vernetzt, wie kann man Selbstverantwortung bei den Studierenden fördern und neue Formen der Zusammenarbeit im virtuellen Raum ermöglichen und so gestalten, damit alle lernen, die Instrumente zu nutzen? Wie aktiviert man Lernende, damit alle angeregt teilhaben können und von den Lehrveranstaltungen profitieren können? Es wäre wohl zu einfach, den Studierenden Passivität vorzuwerfen, nur, weil man sie nicht in gewohnter Weise sieht bzw. wahrnimmt. Denn sehen kann man sie ja schon, durch die Datenspur sogar viel deutlicher als je zuvor. Man sieht also sehr klar, wer gar nichts tut, wer liest, wer wie lange liest und wer schreibt, wer schreibt und liest.

Die Autorinnen fragen weiter: Wie genau sieht Engagement mit Material, mit anderen Studierenden, mit Tutoren aus? Wie sieht aktives Engagement aus, wie sieht passives Engagement aus? Könnte man nicht auch von Wissensaneignung im Sinne einer Lernhandlung sprechen (knowledge acquisition, p. 88) Und wie würde sich diese Handlung beobachten lassen? Könnte es sein, dass Zuhören auch zu Wissensaneignung gezählt werden könnte, ohne dass man sich äussert? Im Zusammenhang der Communities of Practice, die mit dem Internet entstanden sind, könnte man auch davon sprechen, dass die Partizipation nicht nur darin besteht, sich aktiv zu äussern, sondern auch darin, die gemeinsame Sprache einer Community zu verstehen, die Spielregeln zu akzeptieren und so die Gemeinschaft mitzutragen (Seely Brown, 1989 und 2008). Die Autorinnen schlagen denn auch vor, eher von Engagement zu sprechen, welches sowohl schreiben und lesen, wie auch zuhören und beobachten bedeuten kann. (p. 89)

Dies bedeutet nun nicht, dass man «aktive Teilnahme» nicht als ideales Verhalten proklamieren sollte, sind doch Zusammenarbeit und Kommunikation zentrale Kompetenzen im 21. Jahrhundert, die es zu fördern gilt. Dennoch gilt es, «Engagement» in der digitalen Welt neu zu definieren.

Engagement – sowohl aktive wie auch passive Nutzung
Die Autorinnen untersuchten das Engagement von Studierenden zweier Basismodule in Sozialwissenschaften der Open University (OU). Sie unterschieden zwischen «aktiver» und «passiver» Nutzung (active and passive use) von asynchronen Foren. Als aktive Nutzung gilt das Posten von einem oder mehreren Forumsbeiträgen. Als passive Nutzung galt das Lesen der Forumsbeiträge, ohne, dass man selbst schreibt. Gar keine Nutzung, also weder schreiben noch lesen, wurde nicht unter «Engagement» erfasst. Zudem wurden drei Niveaus der Nutzung (use) definiert: Niedrige Nutzung, mittlere Nutzung und hohe Nutzung. Es hat sich gezeigt, dass auch bei den Studierenden, die die Foren oft und viel genutzt hatten, mehr als doppelt so viele Studierende dies im «passiven Modus» taten, die Einträge also lasen, ohne selbst zu schreiben. Da die Studierenden sich aber mit den Posts auseinandersetzten, kann man nicht von Passivität im Sinne von Abstinenz sprechen. Die letzte Gruppe von Studierenden, nämlich jene, die nicht partizipierten, weder passiv noch aktiv, wurde quantitativ erhoben.

In einer zweiten Untersuchung verglichen die Autorinnen aktive und passive Nutzung von asynchronen Foren mit der Teilnahme an Live Sessions. Auch hier handelte es sich um Grundmodule der Sozialwissenschaften an der OU. Auch hier zeigen die erhobenen Zahlen, dass die passive Nutzung der asynchronen Foren sehr viel höher liegen als die aktiven, und dass die Teilnahme an den Live-Sessions im Vergleich zur aktiven und passiven Partizipation in den Foren sehr tief liegt.

Wenn nun «aktive Nutzung« im Sinne von «Posten eines Beitrags» mit erfolgreichem Lernen gleichgesetzt würde, so würden Studierende, die die Beiträge zwar lasen, sich in dem Sinn also “passiv” verhielten, nicht erfolgreich lernen. Die Prüfungsresultate jedoch zeigen ein anderes Bild. Die “passiven Nutzer*innen” waren ebenso erfolgreich, wie aktive.

Die Autorinnen schreiben, dass es wichtiger wäre, die vollkommen abwesenden Studierenden zu erreichen, also jenen, die weder lasen noch schrieben. Dies erscheint ihnen wichtiger, als die passiven Nutzerinnen in aktive umzuwandeln. Sie sehen sogar einen Vorteil in der passiven Nutzung von online-Foren, speziell für Studierende, für die ein Gebiet neu ist. Diese begäben sich auf diese Weise in eine Art Beobachtungsmodus von anderen Studierenden in einem Lerndialog, um von ihnen zu lernen, wie sie dies täten. Dies würde sie sowohl kognitiv wie auch emotional entlasten und ihnen mehr Zeit geben für ein künftiges aktiveres Verhalten. Die Studienergebnisse der Leistungsnachweise bestätigten zudem, dass die passiven Nutzer*innen keinen Nachteil hatten, jedenfalls keinen, der sich in den Bewertungen abgebildet hätte. Zudem mögen Studierende in einer Diskussion nur beobachten, während sie in anderen Diskussionsthreads aktiv partizipierten. Tatsächlich braucht es viel Zeit, einer Diskussion in einem Forum aufmerksam zu folgen, und es kann sein, dass man nicht bei jedem Thema gleich viel Zeit einsetzen kann oder will. Aus diesem Grund lässt sich passive Nutzung nicht mit gleichsetzen.

Aus der Sicht der Studierenden bedeutet passive Nutzung ohne sich zu äussern auch Sicherheit, wenn man sich noch nicht so sattelfest fühlt in einem Thema. Nicht alle haben einen unbeschwerten Umgang damit, sich selbst auch ein Stück weit zu exponieren. Gerade in asynchronen Umgebungen kann die Schriftlichkeit eine zusätzliche Hemmschwelle sein, als dann schwarz auf weiss gespeichert ist, was man zu einem bestimmten Zeitpunkt in der Diskussion meinte. Gerade bei einem neuen Thema hat man die eigene Haltung dazu nicht immer gleich gefestigt, man ändert auch hin und wieder die Meinung. Insofern kann es für die einen mehr Überwindung bedeuten, einen eigenen Beitrag zu posten, als für andere.

Partizipation zum Thema machen
Die Autorinnen lassen die Frage aber offen, ob aktive Nutzung letztlich zu besseren Studienergebnissen führen, als passive. Sie wollten lediglich herausfinden, wie sich das Verhältnis von aktiven und passiven Nutzerinnen in einem Studienmodul präsentiert. Man kann im Anschluss an die Ergebnisse aber fragen, ob es sich lohnen würde, Strategien einer aktiveren Teilnahme mit den Studierenden zu thematisieren.

Eine mögliche Lösung könnte sein, zu Möglichkeiten der Partizipation zu diskutieren, wie man in einem Forum partizipieren könnte, ohne dass man sich gleich festlegen muss, sodass der da Gefühl aufkommt, dass der Beitrag gleich in Stein gemeisselt sei, Schriftlichkeit hin oder her. Gerade in einer kleineren Studierendengruppe oder in einem Tutorat könnten solche Strategien besprochen und individualisiert werden, geht es doch letztlich auch um die Befähigung zur Teilhabe in einem akademischen Umfeld.

Eine andere Möglichkeit ist es, im Laufe eines Moduls die Studierenden in den ersten Diskussionen noch z. B. mit zunächst vorgegebenen Fragen zu motivieren, Beiträge zu posten und mit der Zeit offenere Zugänge zu ermöglichen. Zudem kann es hilfreich sein, mit unterschiedlichen Gruppengrössen zu arbeiten, damit auch introvertiertere Personen die Möglichkeit haben, sich in einer kleinen Gruppe überhaupt zu äussern.


Smith, D. und Smith, K. (2014) The case for passive learning. The silent community or online learners. EURODL 2014)

Seely Brown, J. and Adler, R. P. (2008) Minds on Fire. Open Education, the long Tail and Learning 2.0. In: Educause, January/February 2008, p. 16–32)

Seely Brown, J., Collins, A., Duguid, P. (1989), Situated Cognition and the Culture of Learning, In: Educational Researcher, Volume: 18 issue: 1,  S. 32-42.

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