A propos intuitive Tools

Der Open Networked Learning Kurs ONL191 ist vor drei Wochen gestartet, und wie in jedem Kurs gibt es nicht nur für die Teilnehmenden Neues zu lernen. Auf der Seite der Tools hat sich diesmal einiges getan. So beinhaltet die Lernumgebung eine eine neue Website, neue gruppeneigene Räume für Austausch, Dateiablagen und -management und ein Nachrichten System. Jede neue Struktur ist gewöhnungsbedürftig und nicht auf den ersten Blick erschliessbar oder sogar – wie oft gefordert – intuitiv zugänglich. Und überhaupt, was bedeutet “Intuitiv” im Zusammenhang mit Technologie?

Laut dem Cambridge Dictionary bedeutet intuitive “based on feelings rather than facts or proof” oder “able to know or understand something because of feelings rather than facts or proof”. Wer kann mit Gefühl eine Software-Anwendung begreifen? Natürlich gibt es emotionale Intelligenz, ein scheinbarer Widerspruch, aber ein technisches, digitales Tool mit Gefühl verstehen? Wie ist das überhaupt möglich?
Emotionen sind körperliche Phänomene. Man reagiert körperlich z. B. wenn ein aussergewöhnliches Ereignis ein bestimmtes Gefühl in uns auslöst. Wenn man zum Beispiel eine Prüfung bestanden hat, dann fühlen wir Freude (=Gefühl) der Körper reagiert mit Lachen (Emotion), Jauchzen vielleicht. Wenn jemand stirbt, den man liebt, löst Trauer und Verzweiflung manchmal die körperliche Regung “weinen” aus. Emotionale Intelligenz bedeutet, dass diese körperlichen Reaktionen richtig gedeutet werden können oder dass Emotionen überhaupt wahrgenommen werden können, dass Empathie möglich ist. Hier sind sehr feine Regungen schon wahrnehmbar. Je besser es einem gelingt feine emotionale Schwingungen in zwischenmenschlichen Beziehungen und im eigenen Körper wahrzunehmen, desto ausgeprägter ist die emotionale Intelligenz.

Wie aber soll etwas Technisches, welches Strukturen, Sprache, Zahlen, Symbole, Ikonen vereint, überhaupt intuitiv, also gefühlsmässig wahrnehmbar sein? Diese Applikationen sind Konstrukte, nichts Gewachsenes. Jemand hat die Struktur erstellt und nun steht man selbst da und vollzieht nach, was sich jemand ausgedacht hat. Jemand hat sich ausgedacht, wie eine Benutzer/innen dieser Anwendung durch die inhaltlichen Ebenen navigieren, um an die gewünschte Stelle zu kommen. Hier gibt es nichts Emotionales per se, ausser vielleicht Begeisterung über ein gelungenes Interface oder Ärger über undeutliches Labelling. Aber an sich gibt es nichts Emotionales darin, das sich mit Gefühl wahrnehmen liesse, also “intuitiv” zu bedienen wäre.

Verhält es sich hierbei nicht ähnlich wie mit der Sprache? Die Bedeutung von Wörtern ist, das wissen die Linguisten seit De Saussure, vollkommen arbiträr. Das Wort Haus mit seiner Schreibung H-a-u-s weist in keiner Art und Weise auf das Objekt “Haus” hin. Nichts im Wort selbst sagt uns “intuitiv”, dass es sich um ein Haus handeln muss. Es könnte gerade so gut Kaus heissen. Oder Lein. Oder irgend etwas anderes. Jedes Wort in jeder Sprache ist mit bedeutungstragenden Elementen zusammengesetzt, und es herrscht Konsens darüber, was das Wort bedeutet. Der Konsens ist nicht emotional gewachsen und auch nichts Biologisches. Ein Wort ist also ein Code für einen Gegenstand, einen Sachverhalt, für ein Phänomen oder für etwas, worüber sich Menschen austauschen. Sprache hat also nichts Intuitives. Kein Gefühl kann entschlüsseln, was ein Wort bedeutet. Man muss es lernen. Je mehr Sprachen man spricht, desto analytischer kann man sich Bedeutung entschlüsseln, wenn man gewisse Wortteile wiedererkennt. Aber auch hierbei muss man sich über den spezifischen Konsens in der betreffende Sprache bewusst werden, um das Wort im Kontext zu verstehen. Sprache ist mit seinen Strukturen – semantische, syntaktische, grammatische usw. –  analytisch. Sprache kann zwar Gefühle auslösen, ja, wenn dies dem Autor oder der Autorin gelingt. Jemand kann emotional sprechen oder Emotionen mittels Sprache zum Ausdruck bringen, ja. Aber Sprache selbst ist nicht emotional und kann auch nicht intuitiv verstanden werden. Sprache ist ein Code, der es uns erlaubt, die Welt zu beschreiben. Diesen Code muss man lernen. Wie mit Sprache geht es meiner Ansicht nach auch mit Technologie und digitalen Tools, die einem bestimmten Zweck dienen, z. B. der Kommunikation oder dem Transfer von Geld. Es sind Medien. Auch hier muss man Zusammenhänge analysieren, um zu verstehen, wie sie funktionieren.

Ein Icon, welches einen Vorgang symbolisiert, steht stellvertretend für einen Prozess. Welches „Bild“ für welchen Ablauf versinnbildlicht, beruht ebenso wie Sprache auf Konsens. Wer in den achtziger Jahren gross wurde, weiss noch, was eine Diskette ist, und es ist ihnen vollkommen klar, was das Icon symbolisiert, nämlich „speichern”. Die Kinder heute müssen hingegen lernen, was das Icon “Diskette” bedeutet. Es wird ihnen vollkommen arbiträr erscheinen. Viele von Ihnen kommen nicht auf die Idee, zu fragen, warum denn der Vorgang „speichern“ durch dieses komische eckige Ding vertreten ist. Sie wissen womöglich gar nicht, dass es einen historischen Grund gibt dafür, bzw. dass die Menschen, welche das Icon mit dieser Bedeutung aufgeladen haben, gleichzeitig auch dafür gesorgt haben, dass heute das Folgende (noch) stimmt: [Diskette] = speichern. 
Solche Icons, wie Diskette, das kleine Häuschen für Home (=Startseite einer Website) oder das Brief-Icon für E-Mail sind heute zentrale Elemente des Oberflächendesigns von Software-Applikationen haben nichts Intuitives oder gefühlsmässig Wahrnehmbares an sich. Es handelt sich vielmehr um Gelerntes:

What many call intuition in their lives is almost always something that has been learnt. Beyond basic responses, such as a baby throwing its arms out (the Moro reflex – although here I may have moved from intuition to instinct), much of what we think of as intuition is simply stuff-we-have-learned-and-then-forgotten-we-learned.*

*Dave O. White,Against intuitive Software

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