Merkmale von Hypertexten

Wenn wir an einen Text denken, dann stellen wir uns im Allgemeinen immer noch meistens einen linearen Text vor, der den linguistischen Kriterien entspricht vor, den man von A nach B liest, mit einem klaren Anfang und einem bestimmten Ende, egal, ob der Text im Print oder digital vorliegt. Während man zwar etwa Zeitungen oder auch die einzelnen Artikel darin nicht unbedingt vom Anfang bis zum Ende lesen muss, weil bestimmte Textkategorien oder Textsorten darin vorkommen, liest sich ein Roman meistens vom Anfang bis zum Ende durch. Anders beim Hypertext. Es ist nicht linear, hat meistens zwar eine bestimmte Einstiegsseite, doch kein definiertes Ende. So ist es auch nicht immer klar, ob man einen Hypertext wirklich gelesen hat, ob man vielleicht Teile ausgelassen hat. Der Hypertext hegt keinen Anspruch, vollständig gelesen zu werden, vielmehr werden einzelne Inhalte des Ganzen untereinander und auch gegen aussen verlinkt. So kann man sehr gezielt Aspekte eines Themas in neue Kontexte integrieren, wo sie dann sogar einen neue Bedeutung erhalten. Dies, obwohl sie im Web nur einmal vorkommen.

Im Zuge der Digitalisierung von Inhalten finden sich im Web heute E-Texte, wie zum Beispiel E-Books oder simplere digitale Versionen von linearen Texten und Hypertexte, die keine Linearität mehr aufweisen, sondern fragmentiert rezipiert werden können. So weisen Hypertexte in der Regel auch mehr Redundanz auf, gerade weil Aspekte oder einzelne Teile davon in neue Kontexte gesetzt werden können, wo sie sich je nach dem semantischen Umfeld auch mit neuer Bedeutung aufladen können.

Der Hypertext ist beileibe keine neue Erfindung. Dennoch hat er Eigenschaften, die andere Zugänge zu Informationen und Texten ermöglichen, als dies ein traditioneller Text bieten kann. Angelika Storrer hat in ihrem Artikel »Hypertext« eine textlinguistische Klassifizierung vorgenommen, die ich für die Erkundung von Einsatzmöglichkeiten von Hypertexten im virtuellen Raum sinnvoll finde. Im Folgenden eine Zusammenfassung. Sie bezeichnet den Hypertext als neue Schreib- und Lesetechnologie, die in den 80er Jahren des vergangenen Jahrhunderts von einem kleinen Kreis von Informationswissenschaftlern eingeführt wurde, jedoch zunächst weitgehend auf den Einsatz im Wissenschaftsbetrieb beschränkt blieb. Erst mit dem Aufkommen des WWW Mitte der neunziger Jahre erlangte der Hypertext grosse Popularität. Interessanterweise sind wir immer noch gefordert, wenn es darum geht, einen text als Hypertext zu schreiben, denn die zahlreichen Verlinkungen von Teil-Inhalten gegen Innnen und Aussen ermöglichen individuelles Navigieren durch den Text. Die Rezeption des Texts wird somit schwerer planbar als bei einem herkömmlichen traditionellen Text. Beim Schreiben des Texts ist deshalb die Navigation neben dem eigentlichen Inhalt stets Teil des Designs. Die Rezeption des Textes als Ganzes wird bei seiner Entstehung mitgedacht und mitgestaltet.

Der Hypertext wird als modularer Text geschrieben. Die Reihenfolge der Rezeption wird nicht festgelegt. Deshalb müssen die einzelnen Textbestandteile als eigenständige Module konzipiert werden. Dies bedeutet, dass ein Hypertext in seiner Gesamtheit inhaltliche Redundanz aufweisen muss, damit er modular verwendet und dennoch verstanden werden kann. Redundanz kann auch bedeuten, dass immer wieder auf die gleichen Textteile verwiesen wird mittels Links oder Einbindung.Die Text-Module werden im Hypertext mehrfach eingebunden um in einem bestimmten Kontext wiederum auf Zusammenhänge hinzuweisen und diese in den Text einzubeziehen. So entstehen komplexe Gebilde, die auch mehrfach angesteuert werden müssen: durch die eigentliche Navigation, durch Tags oder durch Kategorisierung der Inhalte.

Hypertexte sind zudem dialogisch, da sie im Web grundsätzlich Kommentaren und Annotationen „ausgesetzt“ sind.

E-Text Hypertext
geschlossenes System offener Text
Geschlossener Text zum Thema Thematisches Gesamtangebot, organisiert in einem Hypertextnetzwerk (z. B. das WWW).
Rezeption vorgegeben Rezeption offen, verschiedene Navigationsmöglichkeiten
monologisch dialogisch
Textform einheitlich. Traditionell in aufeinanderfolgenden Textkapiteln eingeteilt. Bestehen a.us diversen Text-Teilen oder -Modulen
linear
Klare Anfang und Ende. Rezeption mehrheitlich von A nach B, Reihenfolge der Abschnitte ist nicht beliebig.
nicht-linear
Oft Einstieg- oder Startseite, jedoch kein definiertes Ende.
Reihenfolge variiert in der Rezeption.
Schriftlich fixiert, in eine bestimmte Reihenfolge gebracht Rezeption offen, verschiedene Navigationsmöglichkeiten
Linear und für den sequenziellen, chronologischen Lesefluss organisiert.
Verlinkung in E-Books als Anker möglich.
Netzwerkartig organisiert: mehrfach durch Links untereinander verknüpfte Text-Module. Rezipoent findet eigenen Weg durch den Text.
zyklisch, wird in bestimmten Abständen aktualisiert dynamisch, verändert sich laufend durch Verlinkung und Einbindung in neue Kontexte, Kommentarfunktion,
abgeschlossen, mit multimedialen Inhalten versehen laufend durch multimediale Inhalte erweiterbar oder aktualisierbar
 In Zyklen kollaborativ bearbeitet  Laufend kollaborativ bearbeitet
 Annotationen E-Text-weit  Annotationen web-weit
Lesbar mit speziellen Readern auf den Geräten (Plugins oder Apps)  Lesbar mit allen web-fähigen Geräten
 Autorenschaft geschlossener Kreis  user-generated
Metaebene nicht zugänglich  Metaebene
 Technologisch geschlossen  Codierung nach offenen Standards

Links

Serious Hypertext // eastgate.com

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