Merkmale von Hypertexten

Wenn wir an einen Text denken, dann stellen wir uns im Allgemeinen immer noch meistens einen linearen Text vor, der den linguistischen Kriterien entspricht vor, den man von A nach B liest, mit einem klaren Anfang und einem bestimmten Ende, egal, ob der Text im Print oder digital vorliegt. Während man zwar etwa Zeitungen oder auch die einzelnen Artikel darin nicht unbedingt vom Anfang bis zum Ende lesen muss, weil bestimmte Textkategorien oder Textsorten darin vorkommen, liest sich ein Roman meistens vom Anfang bis zum Ende durch. Anders beim Hypertext. Es ist nicht linear, hat meistens zwar eine bestimmte Einstiegsseite, doch kein definiertes Ende. So ist es auch nicht immer klar, ob man einen Hypertext wirklich ganz gelesen hat oder nicht, ob man nicht vielleicht Teile ausgelassen hat. Der Hypertext hegt keinen Anspruch, vollständig gelesen zu werden, vielmehr werden einzelne Inhalte des Ganzen untereinander und auch gegen aussen verlinkt. So kann man sehr gezielt Aspekte eines Themas in neue Kontexte integrieren, wo sie dann einen neue Bedeutung erhalten, obwohl sie im Web nur einmal vorkommen.

Im Zuge der Digitalisierung von Inhalten finden sich im Web heute E-Texte, wie zum Beispiel E-Books oder simplere digitale Versionen von linearen Texten, und Hypertexte, die keine eigentliche Linearität mehr aufweisen, sondern fragmentarisch oder modular rezipiert werden können. So weisen Hypertexte in der Regel mehr Redundanz auf, gerade weil Aspekte oder einzelne Teile davon in neue Kontexte gesetzt werden können, wo sie sich je nach dem semantischen Umfeld mit neuer Bedeutung aufladen.

Der Hypertext ist nun mehr als 30 Jahre alt. Dennoch hat er Eigenschaften, die noch immer alternative Zugänge zu Informationen und Texten ermöglichen, als dies ein traditioneller Text bieten kann. Angelika Storrer hat in ihrem auch nicht mehr ganz neuen Artikel »Hypertext« eine textlinguistische Klassifizierung vorgenommen, die ich für die Erkundung von Einsatzmöglichkeiten von Hypertexten im virtuellen Raum sinnvoll finde. Sie bezeichnet den Hypertext als „neue Schreib- und Lesetechnologie“, die in den achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts von einem kleinen Kreis von Informationswissenschaftern eingeführt wurde, jedoch zunächst weitgehend auf den Einsatz im Wissenschaftsbetrieb beschränkt blieb. Erst mit dem Aufkommen des WWW Mitte der neunziger Jahre erlangte der Hypertext grosse Popularität. Interessanterweise sind wir immer noch gefordert, wenn es darum geht, einen Text als Hypertext zu schreiben, denn die zahlreichen Verlinkungen von Teil-Inhalten gegen Innen und gegen Aussen zu anderen Texten hin ermöglichen individuelles Navigieren durch den Text und darüber hinaus in fremde Webtexte. Die Rezeption des Texts ist somit schwieriger zu planen als ein herkömmlicher traditioneller Text. Beim Schreiben des Texts ist deshalb die Navigation wie auch der Einbezug von Fremdtexten neben dem eigentlichen Inhalt stets Teil des Designs. Die Rezeption des Textes als Ganzes wird bei seiner Entstehung mitgedacht und mitgestaltet.

Der Hypertext wird als modularer Text geschrieben. Die Reihenfolge der Rezeption wird nicht festgelegt. Deshalb müssen die einzelnen Textbestandteile als eigenständige Module konzipiert werden. Dies bedeutet, dass ein Hypertext in seiner Gesamtheit inhaltliche Redundanz aufweisen muss, damit er modular verwendet und dennoch verstanden werden kann. Redundanz kann auch bedeuten, dass immer wieder auf die gleichen Textteile verwiesen wird mittels Links oder Einbindung. Die Text-Module werden im Hypertext mehrfach eingebunden um in einem bestimmten Kontext wiederum auf Zusammenhänge hinzuweisen und diese in den Text einzubeziehen. So entstehen komplexe Gebilde, die auch mehrfach angesteuert werden müssen: durch die eigentliche Navigation, durch Tags oder durch Kategorisierung der Inhalte.

Hypertexte sind zudem dialogisch, da sie im Web grundsätzlich Kommentaren und Annotationen „ausgesetzt“ sind. Hier kommt aus meiner Sicht die grosse Stärke des Internets zum Tragen: Das Weiterschreiben am (Kon-)Text durch die User/innen. Die grosse Erfolgsstory des Internets ist der Usergenerated Content, auch wenn er qualitativ nicht immer über jeden Zweifel erhaben ist, das Internet als sozialer Ort des Austauschs (siehe dazu Prof. Michael Kerres‘ Plädoyer für die Gestaltung des digitalen Wandels und meinen Kommentar dazu). Die Möglichkeiten, die dadurch entstehen, sind besonders im Lehr- und Lernkontext interessant, wenn denn Lernende jenseits von simpler Belehrung und Disziplinierung zu eigenständigen und eigenverantwortlichen Leistungen motiviert werden sollen. Der kritische Rezeption von Inhalten gehört ja heute ebenso zur Medienkompetenz, wie die Medienproduktion selbst.

Die folgende Tabelle fasst Storrers Unterscheidung zwischen geschlossenen e-Books und Websites/Hypertexten zusammen:

E-Text Hypertext
geschlossenes System offener Text
Geschlossener Text zum Thema Thematisches Gesamtangebot, organisiert in einem Hypertextnetzwerk (z. B. das WWW).
Rezeption vorgegeben Rezeption offen, verschiedene Navigationsmöglichkeiten
monologisch dialogisch
Textform einheitlich. Traditionell in aufeinanderfolgenden Textkapiteln eingeteilt. Bestehen a.us diversen Text-Teilen oder -Modulen
linear
Klare Anfang und Ende. Rezeption mehrheitlich von A nach B, Reihenfolge der Abschnitte ist nicht beliebig.
nicht-linear
Oft Einstieg- oder Startseite, jedoch kein definiertes Ende.
Reihenfolge variiert in der Rezeption.
Schriftlich fixiert, in eine bestimmte Reihenfolge gebracht Rezeption offen, verschiedene Navigationsmöglichkeiten
Linear und für den sequenziellen, chronologischen Lesefluss organisiert.
Verlinkung in E-Books als Anker möglich.
Netzwerkartig organisiert: mehrfach durch Links untereinander verknüpfte Text-Module. Rezipient findet eigenen Weg durch den Text.
zyklisch, wird in bestimmten Abständen aktualisiert dynamisch, verändert sich laufend durch Verlinkung und Einbindung in neue Kontexte, Kommentarfunktion,
abgeschlossen, mit multimedialen Inhalten versehen laufend durch multimediale Inhalte erweiterbar oder aktualisierbar
 In Zyklen kollaborativ bearbeitet  Laufend kollaborativ bearbeitet
 Annotationen E-Text-weit  Annotationen web-weit
Lesbar mit speziellen Readern auf den Geräten (Plugins oder Apps)  Lesbar mit allen web-fähigen Geräten
 Autorenschaft geschlossener Kreis  user-generated
Metaebene nicht zugänglich  Metaebene
 Technologisch geschlossen  Codierung nach offenen Standards

Links

Angelika Storrer (2008) Hypertext: Ideengeschichte und Begriffsbestimmung.

Serious Hypertext // eastgate.com

 

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