Möglichst immer gamen

Games regieren die Welt der Kinder. Jedenfalls die meiner Kinder und meiner Schüler. Meine Kinder sind 10 und 12 Jahre alt und wachsen selbstverständlich mit den neuen Medien auf. In der Schule sind sie am Rande Thema, beim jüngeren Kind bisher gar nicht. Jedes Kind in der 6. Klasse hat ein eigenes Smartphone, iPads und Computer stehen bei den meisten zu Hause rum, man muss sie also nur benutzen. Nun ja: Sie benutzen vor allem die Games auf den Geräten. Und das am liebsten und ohne Probleme den lieben langen Tag lang. Wo bleibt hier die Eigeninitiative? Die Langeweile als Mutter der Kreativität wird gut und gerne zugegamt, damit sie gar nicht erst aufkommt. Auch Minecraft, vielgelobtes Kreativitäts-Spiel, hat es geschafft, nicht nur wegen der tollen Welten, die sich bauen lassen, interessant zu sein, sondern auch wegen der ganzen Cheats und Youtube-Videos, auf denen man (stundenlang) schauen kann, was andere tun, anstatt es selbst zu erschaffen.
Ein gewisses Verständnis dafür habe ich ja durchaus. Auch bin ich froh, wenn die Buben darüber diskutieren, was sie schauen oder spielen: Es findet also ein Dialog statt. Das ist ja gut. Und dennoch: Der Sog der Online-Spiele ist gewaltig und absorbiert alle Zeit, die die Buben haben. So geht das nicht. Alle Jungs, die ich kenne, werden beim Spielen am Gerät vollkommen unansprechbar. Und dies am liebsten permanent.
Meine Antwort ist: Strenge Regeln. Es wird nicht (mehr) jeden Tag (eine halbe Stunde) gespielt, sondern es gibt neu vier von sieben gamefreie Tage. Da wird nicht gespielt online. Gamen ist an den besonderen Tagen zudem erst dann erlaubt, wenn alles andere – Hausaufgaben, Instrument üben etc – getan ist. Und dennoch: Trotz Regeln gibt es jeden Tag einen Kampf um die Ausnahme. Die es manchmal gab, so ganz nach dem Motto: Keine Regel ohne Ausnahme. Nur in dieser Beziehung killt die Ausnahme jede Regel. Jeden Tag kämpfe ich gegen den Sog der Games, jeden Tag erinnere ich meine intelligenten Jungs daran, dass sie zuerst die Pflichten erfüllen, und dann das Vergnügen haben sollen, wenn überhaupt gegamt werden darf… Und dennoch scheinen sie dies einfach nicht zu verstehen, denn sie probieren immer wieder, die Ausnahme herbei zu zaubern. Was tun, wenn man nicht täglich in den Kampf ziehen will? Wenn man es als Eltern leid ist, immer die gleichen Diskussionen zu führen? Also noch härtere Regeln: Keine Ausnahme mehr. Gamen ist zudem NIE Belohnung. Leider garantieren diese verschärften Massnahmen noch lange keinen Frieden!

Ähnliches erlebe ich im Unterricht. Ich arbeite einen Vormittag pro Woche in einer Universikumsklasse mit neun- bis 12-jährigen Jungen. Wir erstellen Websites und arbeiten mit Webtools. Nur was die Jungs (dass es alles Buben sind, ist ein anderes Thema) im Browser auf dem untersten Tab laufen haben ist nicht ein Code, an dem sie arbeiten oder ein Bild, das sie für ihre Website erstellen, nein: Es läuft ein nettes Game. Was mich am meisten erstaunt und betrübt, ist, dass einige der Buben alles mögliche aufs Spiel setzen und mich bis zum Äussersten fordern, wenn es darum geht, das Verbot zu umgehen.
Die Regel heisst hier: Zusammenpacken, in die Regelklasse zurück eine Woche oder sogar mehr Timeout. Nun: Wegen meiner Aufsichtspflicht als Lehrperson und weil die Kinder zum Teil lange Anfahrtswege mit den ÖV durch die ganze Stadt haben, darf ich das erst dann tun, wenn Klassenlehrer/in und Eltern informiert sind. Man informiere also bitte im Voraus alle Beteiligten über die Möglichkeit, dass es passieren könnte, dass das Kind das Universikum verlassen muss, und wenn es dann soweit ist, stelle man bitte sicher, dass die Lehrperson das Kind in der Regelklasse erwartet. Ich musste also anfangen, Kinder aus dem Unterricht auszuschliessen, permanent oder für eine begrenzte Zeit. Ist das die Lösung? Und das Schlimmste für mich ist, dass ich in die Rolle der Spielverderberin gedrängt werden. Buchstäblich. Ich komme mir unsäglich blöd vor in dieser Situation, vor allem deshalb, weil ich den Einsatz von Medien und namentlich des Computers und des Interents an Schulen unbedingt befürworte und auch fordere, dass die Kinder lernen, kreativ damit umzugehen!

Was tun? Ich muss bei meinen Schülern die gleiche Begeisterung wecken, wie es die Games es tun, damit ich bzw. mein Unterricht konkurrenzfähig ist. Ich werde probieren, einen Wettbewerb zu inszenieren, eine Vernissage, ein Projekt, das sich dann mehr als nur die Eltern der Kinder anschauen. Eine Jury werde ich engagieren, die die Arbeiten beurteilt nach einem transparenten Kriterienraster, damit die Kinder sich aneinander messen und ein echtes Projekt bearbeiten können. Nur: Habe ich überhaupt eine Chance, gegen den Spieltrieb anzukämpfen, den die Games so perfekt abholen und mit multimedialen Feuerwerken fördern? Was habe ich da zu bieten?

Und überhaupt: Ich beobachte, dass die Kinder mit den Games die Möglichkeit haben, jede freie Minute, ja jede Sekunde mit irgend etwas zuzudecken. Nur ja nicht mal einige Zeit über etwas nachdenken. Nur nicht sich Gedanken machen, wie das nun war oder wie es sein müsste… Oder bitte nichts betrachten müssen auf Reisen, was draussen sich abspielt, das man gar nicht unbedingt sehen muss. Diese Zeit, unterwegs zum Beispiel, wäre auch Zeit zum Nachdenken. Um Gedanken nach zu hängen. Die scheint mir irgendwie verloren.
Wie bringe ich die Kinder dazu zu reflektieren? Nachzudenken? Ihre Gedanken zu formulieren? Meinetwegen mit Hilfe des Handys? Es braucht viel Energie, die Jungs daran zu erinnern, dass sie etwas mit dem Handy festhalten können, damit sie sich später daran erinnern. Ich muss immer wieder daran erinnern, dass man mit einem Handy noch viel mehr machen kann als spielen, dass man Inhalte aufschreiben, aufzeichnen, speichern, ordnen, ablegen, versenden kann, damit sie es später in einem Projekt benutzen können.

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